Hochschule in der Region

Gemeinsam den Wandel gestalten mit Kooperationen, Netzwerken und Digitalisierung

Teilvorhaben: Reallabor Revitalisierung von Mobilität im peripheren Raum

 

Das Kompetenzzentrum ländliche Mobilität ist Partner der Hochschule Neubrandenburg beim Projekt „Hochschule in der Region – Gemeinsam den Wandel gestalten mit Kooperationen, Netzwerken und Digitalisierung“. Es führt das Teilprojekt „Reallabor Revitalisierung von Mobilität im peripheren Raum“ durch.

Reallabore sind im wissenschaftlichen Kontext eine forschungsmethodische Herausforderung. Personal wissenschaftlicher Einrichtungen steckt vom Selbstverständnis im Modus wissenschaftlicher Erkenntnissuche. Im Reallabor erhalten sie plötzlich die Aufgabe, reale Transformationsprozesse zu initiieren, zu moderieren, zu steuern. Das sind eigentlich wissenschaftsfremde Kompetenzanforderungen. Von daher ist Handeln in Reallaboren ein Lernprozess für beide Seiten: Die Bürgerinnen und Bürger lernen, robuste Lösungsstrategien für ihre Probleme zu erarbeiten, sie verstehen Transformationsprozesse und erkennen, wie und warum Interventionen eine Transformation anstoßen können. Den Wissenschaftlern und Forschern erlaubt das Reallabor, kollaborative Zusammenarbeit sowie Wissensaustausch und Wissensintegration auf Augenhöhe zu erlernen.

Die komplexen Verflechtungen in den Veränderungen von Gesellschaft und Wirtschaft verlangen nach transdisziplinären Prozessen ausgehend von der Wissenschaft und Politik.  Ballungszentren sind durch die Bündelung von Problemlagen aber auch Akteuren und Ressourcen zwangsläufig Orte für solche notwendigen Aushandlungs-, Kooperations- und Innovationsprozesse[1]. Aber eben nicht nur. Eine besondere Herausforderung sind „entleerte“ rurale Regionen in denen wesentliche Transformationen anstünden, für die aber Protagonisten und Träger mit passendem Wissen und Ressourcen aktiviert werden müssen.

Neue Ansätze in der Erforschung dieser Veränderungsprozesse finden sich in bereits existierenden Disziplinen des Transition-Managements und der Aktionsforschung. Reallabore sind dabei ein besonders auf Inter- und Transdisziplinarität ausgelegtes Forschungsdesign, welches sich vor allem mit Nachhaltigkeitsthemen, und zwar im Prozess ihrer Transformation befasst und an der Schnittstelle von Transformations- und transformativer Forschung zu verorten sind[2]. Als wissenschaftliches Instrument ermöglichen sie erstmals die Verbindung wissenschaftlicher Analyse und Modellierung alternativer Zukünfte, bezieht sich dabei explizit auf Orte/Räume und Kontexte. Reallabore sind Lernarrangements, in denen die verschiedenen Wissensträger die Transformation dialogisch/ kollaborativ lesen lernen, indem sie sie gestalten. Dabei spielt die Entwicklung von solchen Kompetenzen eine wichtige Rolle, welche mit prognostischer Unsicherheit und Ungewissheit umzugehen wissen. Design und Co-Design der Reallabore zielt a) auf Wissen und Entscheidungsvorschläge für Abgeordnete, wirtschaftliche und zivilgesellschaftliche Entscheidungstragende, sowie b) experimentell angelegte Implementierungsprozesse ab[3]. Dieser Wissensbedarf (detailliertes Entscheidungs- und Handlungswissen) unterscheidet sich vom Forschungsinteresse der Wissenschaft, da dieser verallgemeinerbare Aussagen für die theoretische Erklärung der Transformation, als auch für die prinzipielle Politikberatung anstrebt. Wenn Reallabore beide Interessenebenen bewusst aufnehmen und das Forschungsdesign dual anlegen, sind sie Reallabore und in besonderem Maße geeignet, das für die Transformation notwendig Wissen zu generieren und den Transformationsprozess anzustoßen.

Hinter dieser scheinbar forschungsmethodischen Herausforderung steckt ein strukturell-funktionelles Problem. Das Personal wissenschaftlicher Einrichtungen steckt vom grundsätzlichen Selbstverständnis her, mental (Grundhaltung) als auch im Fremdverständnis der Gesellschaft im Modus wissenschaftlicher Erkenntnissuche.

Das soll das Reallabor auch leisten. Nur funktioniert dieses nur, wenn sich für die anderen Wissensträger und Protagonisten reale Veränderungen, Implementierungen, Innovationen abzeichnen. Dann gibt es das Ko-Design bei der Prozessgestaltung und dann gibt es ein notwendig langes Zeitfenster, in welchem sich im Reallabor Experimente durchführen lassen.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – und ihre Einrichtungen erhalten plötzlich die Aufgabe reale Transformationsprozesse zu initiieren, in Gang zu setzen, zu moderieren, zu steuern etc.

Das sind „artunspezifische“ Aufgaben, dem Wissenschaftssystem fremde Kompetenzanforderungen. Denn es geht nicht mehr allein um Transfer von vorbereitetem Wissen, sondern um kollaborative und kontroverse Generierung neuen Wissens (und unterschiedlicher Wissenstypen) innerhalb der zu gestaltenden, zu „steuernden“ realablaufenden Transformation.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind folglich selbst in einem Prozess des Empowerment für transdisziplinäres Forschen unter den Rahmenbedingungen real ablaufender, widersprüchlicher Umbrüche, in denen sie sowohl praktisch intervenieren, als auch die kommunikativen Lern- und Konfliktprozesse moderieren (Facilitator).

Reallabore sind ein transformativer Forschungsansatz und sollen

  1. einen direkten Beitrag zur Nachhaltigkeitstransformation in einem gesellschaftlich relevanten Problemfeld leisten.
  2. sozial robuste Lösungsstrategien für gesellschaftliche Probleme erarbeiten. Reallabore sollen helfen Transformationsprozesse zu verstehen und vor allem wie, warum und an welcher Stelle Interventionen eine nachhaltige Transformation anstoßen können.

Realexperimente testen erarbeitete Lösungsoptionen und stellen einen zentralen Aspekt dar. Reallabore definieren den geografischen und zeitlichen Rahmen solcher Experimente.

Der transdisziplinäre Forschungsmodus erlaubt Wissenschaftlern und Praxisbeteiligten kollaborative Zusammenarbeit, Wissensaustausch und Wissensintegration auf Augenhöhe. Gemeinsam wird das Forschungsdesign erarbeitet (Kodesign) und Wissen produziert (Koproduktion).

Die Langzeitanlegung der Forschung und die Produktion von übertragbaren Lösungen für gesellschaftliche Probleme ergeben sich aus der Langfristigkeit sozialer Veränderungsprozesse und dem notwendigen ganzheitlichen gesellschaftlichen Wandel.

Reflektions- und Lernprozesse sind übergreifende Themen, welche sich mit der eigenen Forschungspraxis und den sich daraus ergebenden sozialen Effekten auseinandersetzen

In diesem Sinne ist es Aufgabe des Reallabors Mobilität Forschungs GmbH Wismar, ein Forschungsdesign aufzubauen und zu unterhalten, in dem auch die Wissenschaft in die Lage des Lernenden versetzt werden kann. Das kann nur geschehen, wenn ein starkes Eigeninteresse der Region an bestimmten Prozessergebnissen zusammen mit einer zeitlich im Projekt nutzbaren Perspektive auf ein Forschungsinteresse stößt.

Deshalb ist ein Anstoß notwendig, der im Sinne der Region Regionalmanagement ist, der aber im Sinne des Antragstellers die Bereitstellung eines Reallabors ist.

Das ist innovatives wissenschaftliches Handeln in Reallaboren. Und dies soll im Kontext des Projekts Hochschule der Region an der Hochschule Neubrandenburg vermittelt und umgesetzt werden.

[1] Hauptgutachten: Der Umzug der Menschheit: Die transformative Kraft der Städte. Berlin: WBGU.

[2] Schäpke, N., Stelzer, F., Bergmann, M., Singer-Brodowski, M., Wanner, M., Caniglia, G. and Lang, D. J. (2017) ‘Reallabore im Kontext transformativer Forschung: Ansatzpunkte zur Konzeption und Einbettung in den internationalen Forschungsstand’, Leuphana Universität Lüneburg, Institut für Ethik und Transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung., 1(1).

[3] Borner, J. (2014) ‘Wissenschaft trifft Praxis: Essay’, in Beese, K., Fekkak, M., Katz, C., Körner, C., Hrsg, H. M., and Borner, J. (eds) Anpassung an regionale Klimafolgen kommunizieren. München: oecom.